VERHALTEN

Meerschweinchen leben ursprünglich in kleinen Rudeln von rund fünf bis zehn Tieren, alters- und geschlechtsgemischt.
Sie sind sehr bewegungsfreudig und haben ein breites Spektrum an Lautäusserung.
Als reine Fluchttiere sind sie darauf angewiesen, immer ausreichend Verstecke in Reichweite zu haben und sie erkunden eine neue Umgebung vorsichtig von einem Versteck zum nächsten. Offene Flächen sind für Meerschweinchen in der Regel beängstigend, darum drängen sie sich dann schutzsuchend aneinander.
Meerschweinchen sind keine eigentlichen Kletterer, können aber gut Stufen und kleinere Hindernisse überwinden.
Um an einen Leckerbissen heranzukommen, können sie sich auf die Hinterbeine stellen und sich bis in eine Höhe von ca. 30 cm strecken.

Die soziale Ordnung ist sehr differenziert und faszinierend.
Man kann davon ausgehen, dass in freilebenden Gruppen ein dominantes Männchen mit einigen Weibchen und ihrem Nachwuchs zusammenlebt - wobei aber nicht unbedingt das Männchen die Führung der Gruppe hat. Ähnlich wie bei Wildpferden wird die Gruppe wohl meist von einem ranghohen Weibchen angeführt.
Das dominante Männchen duldet weitere Männchen, solange sie ihm die Führung nicht streitig machen, in der Regel ziemlich problemlos. Sie halten sich aber in der freien Wildbahn wohl meist eher am Rand der Gruppe auf und sind so viel stärker gefährdet bei Raubtierangriffen.
Wenn die jungen Männchen älter werden und mit dem Chefbock konkurrieren, kommt es zu Rangordnungskämpfen. Entweder ordnet sich der junge Bock dann unter oder er wird verjagt und bildet mit einem oder mehreren Weibchen eine neue Gruppe. Gelegentlich kommt es natürlich auch vor, dass ein junger Bock einem älteren körperlich überlegen ist und seinerseits dem Altbock die Rolle streitig macht. Dann wird eventuell der alte Bock noch am Rande der Gruppe geduldet oder er muss sich zurückziehen und wird in der Wildnis dann wohl leicht das Opfer eines Raubtiers.

Auch die Weibchen haben untereinander deutliche Hierarchien. Trächtige Tiere sind generell etwas dominanter, auch wenn sie ansonsten eine rangniedrige Position in der Gruppe haben. Mütter mit Jungtieren verteidigen ihren Nachwuchs teilweise recht stark - sozial schwache Mütter müssen es sich manchmal aber gefallen lassen, dass ein anderes Weibchen ihnen quasi die Jungen "stiehlt".
Gleichzeitig ist deutlich zu beobachten, dass die Weibchen sich sehr unterschiedlich um ihre Jungen kümmern. Während einige regelrecht "Glucken" sind, scheint es bei anderen eher eine lästige Pflicht zu sein, den Nachwuchs zu betreuen.

Meerschweinchen schliessen untereinander teilweise recht enge Freundschaften.
Haben sie ihren Platz in der Hierarchie gefunden, sind rangniedrige Tiere durchaus nicht mehr gestresst als ranghohe - stressig ist vor allem allzu viel Umstellung (sowohl in der Haltung als auch in der Gruppe) und die Unsicherheit, solange das Tier nicht weiss, woran es ist.
Gut sozialisierte Tiere können sich aber recht unkompliziert auch in einer neuen, ähnlichen Umgebung und in einer fremden Gruppe eingliedern.
Es gibt dazu diverse Studien, vor allem von Prof. Norbert Sachser, der mit seinen Studenten jahrelang das Verhalten von Hausmeerschweinchen untersucht hat.
Für junge Meerschweinchen ist darum soziales Lernen in der Gruppe elementar wichtig für ihr weiteres Leben.



Gruppenzusammensetzung in menschlicher Obhut

Macht man sich bewusst, wie Meerschweinchen in der Wildnis leben und versucht man, in der Hausmeerschweinchenhaltung möglichst artgerechte Bedingungen zu schaffen, ist die Haltung von gemischten Gruppen naheliegend.
Idealerweise wählt man mindestens vier Tiere - die einfachste und klassische Lösung sind ein Kastrat und drei Weibchen.
Vorausgesetzt, die Tiere passen charakterlich gut zusammen, sind hier kaum Reibereien zu erwarten.

Besonders sinnvoll ist es, eine Gruppe von Anfang an so aufzubauen, dass sie altersgemischt ist. Erfahrene Tiere dienen den Jüngeren einerseits als Vorbild, weisen sie gleichzeitig aber auch angemessen in ihre Schranken, wenn die Kleinen in jugendlichem Übermut ihre Grenzen austesten.
Plant man eine Gruppe schon in der Startphase altersgemischt, ist es später sehr viel einfacher, sie zu ergänzen mit weiteren Tieren - sowohl jüngere als auch ältere werden von der Gruppe normalerweise gut aufgenommen.
Man kann also in einer solchen gemischten Gruppe sowohl mal ein einzelnes älteres Tier aus dem Freundeskreis aufnehmen, dem der Partner weggestorben ist, als auch die Gruppe (beispielsweise nach Todesfällen) wieder vergrössern, indem man Jungtiere dazusetzt.

Bei einer etwas grösseren Gruppe und entsprechender Unterbringung ist es sehr spannend und bereichernd, zwei oder mehr gut sozialisierte Kastraten unterschiedlichen Alters in der Gruppe zu halten. Es empfiehlt sich dann aber immer, deutlich mehr Weibchen als Männchen in der Gruppe zu halten.
Natürlich sind Ausnahmen bekannt von drei Kastraten, die mit einem einzigen Weibchen auskommen - aber das sind eben Ausnahmen. In der Regel sollte das Verhältnis lieber umgekehrt sein.



Auch reine Männchengruppen sind möglich und bewähren sich durchaus gut - Voraussetzung ist dabei einerseits eine wirklich gut strukturierte, grosszügige Haltung und eine sehr gute Sozialisation der Männchen.
Werden die jungen Männchen frühkastriert (VOR Erreichen der Geschlechstreife), verstehen sie sich normalerweise sehr viel besser - die Rangordnung wird zwar auch unter Kastraten "ausdiskutiert", aber das geschieht sehr viel weniger aggressiv als bei unkastrierten Männchen.
Kastratengruppen sollten möglichst nie aus drei Tieren bestehen - das ist die denkbar schlechteste Gruppe überhaupt.
In einer Dreiergruppe beobachtet man oft, dass ein Tier in die klassische "Sandwich-Position" gerät und immer wieder für Ärger und Unruhe sorgt:
während ein Männchen sich klar als Chef etablieren kann, ein anderes sich deutlich unterordnet, steht das dritte unglücklich dazwischen. Es dominiert zwar das untergeordnete Männchen, kommt damit aber dem "Chef" in die Quere und wird laufend wieder zurechtgewiesen. Ständige Unruhe mit dem entsprechenden Stress für alle Tiere, Rangordnungskämpfe bis zu ernsthaften Beissereien sind dann die Folge.

Ideal ist es, eine Männchengruppe mit zwei friedlichen Kastraten zu starten und ihnen zwei jüngere Frühkastraten dazuzusetzen.
Ebenfalls recht gut bewährt hat sich die Variante eines einzelnen, ruhigeren Kastraten mit natürlicher Autorität, der mit drei jungen Frühkastraten zusammen eine Gruppe bildet.
Ein erfahrenes Tier dient den Jüngeren einerseits als Vorbild, weist sie gleichzeitig aber auch angemessen in ihre Schranken, wenn sie in jugendlichem Übermut ihre Grenzen austesten.

Da nun mal ungefähr gleich viele Männchen wie Weibchen geboren werden und bei gemischten Gruppen immer mehr Weibchen in der Gruppe sein sollten, besteht ein ständiger "Überschuss" an Männchen. Vor allem auch bei Notfalltieren ist deutlich erkennbar, dass Männchen schwieriger zu platzieren sind. Während nämlich so mancher Meeribesitzer sein verwitwetes Weibchen einfach bei Freunden oder Bekannten unterbringen kann, klappt das mit einem erwachsenen Kastraten nicht so leicht - der wird in der Gruppe der Bekannten nicht ganz so unkompliziert aufgenommen, wenn dort bereits Kastraten leben.
In der Wildnis wird ein ausgestossener, einzelner Bock, meist relativ schnell Opfer eines Raubtiers.
In menschlicher Obhut müssen andere Lösungen gesucht werden.

Manche Züchter geben ihre überzähligen Männchen kurzerhand als Futtertiere ab (für Raubvögel oder Schlangen).
Andere setzen auf Frühkastration und die Bildung von Kastratengruppen, um auch den Männchen ein gutes Leben zu ermöglichen.

Für Meerschweinchenfreunde kann es sehr lohnend sein, sich bewusst für eine reine Kastratengruppe zu entscheiden.



Reine Weibchengruppen sind an sich natürlich ebenfalls möglich. Sinnvoll scheint das aber nicht - in der Natur wird es ganz sicher nie vorkommen, dass mehrere Weibchen über einen längeren Zeitraum ohne Männchen zusammenleben. Spätestens, wenn die Weibchen aufnahmebereit sind und Lockstoffe absondern, wird dies von einem in der Nähe lebenden Männchen bemerkt und es wird sich den Weibchen anschliessen.
Eine reine Weibchengruppe kann also sicher nicht als artgerecht bezeichnet werden.

Oft kann man beobachten, dass sich Weibchen untereinander "anzicken" - vor allem eben dann, wenn ihre Hormone ins Spiel kommen. Um Ruhe in einer Weibchengruppe mit "Zickenalarm" zu bringen, sollte ein erwachsener Kastrat in die Gruppe gesetzt werden. Und zwar möglichst einer mit einer starken Ausstrahlung und mit Erfahrung im Umgang mit Weibchen. Ein junger Frühkastrat wird von erachsenen Weibchen oft nicht ernst genommen und kann mitunter gehörig unter die Räder geraten.

Im Gegensatz zu einer reinen Kastratengruppe, die zwar auch nicht "natürlich" ist, aber doch einigen Sinn macht, gibt es keinen einzigen vernünftigen Grund, wieso man eine Gruppe aus lauter Weibchen halten sollte.





 

Die Kastration von Männchen ist ein vieldiskutiertes Thema und in den letzten zehn Jahren wurden sehr grosse Fortschritte gemacht. Grundsätzlich ändert eine Kastration nach dem Erreichen der Geschlechtsreife nicht mehr viel am Verhalten des Bocks. Ein aggressiver Bock wird also nicht plötzlich friedlich durch den Eingriff und man kann zwei Böcke, die sich nicht vertragen, nicht nach der Operation problemlos wieder zusammensetzen.
Wird die Kastration vor dem Erreichen der Geschlechtsreife durchgeführt, entwickeln die Böckchen zum Teil auch später wenig typisch männlichen Verhaltensweisen. Bei dominanten Weibchen kommen solche "Neutren" manchmal sehr schlecht an - sie eignen sich darum meist nicht so gut als Partner für einzelne vereinsamte Weibchen. Dort ist eher ein Kastrat mit "Damenerfahrung" gefragt, darf auch ein wenig Macho sein.
Wenn die Kastration aber wirklich sehr früh (bereits bei einem Gewicht von ca. 150 bis 250 Gramm) durchgeführt wird, lassen sich die Frühkastraten meistens absolut problemlos in gemischte Gruppen integrieren, sie kommen dann sowohl mit den Weibchen als auch mit dem Haremswächter sehr gut zurecht und werden auch später normalerweise nicht aufmüpfig.
Generell ist es für Männchen sehr wichtig, in einer Gruppe mit einem oder mehreren älteren Böcken (bzw. Kastraten) aufzuwachsen, wenn sie später mit anderen Männchen auskommen sollen, sie müssen den Umgang von klein auf lernen. 
Ausserdem haben wir hier festgestellt, dass bei sehr jungen Männchen die Wundheilung wesentlich schneller ablief. Von Tierärzten haben wir gehört, dass jüngere Tiere die Narkose meist besser verkraften würden und dass die Operation teilweise auch sauberer durchgeführt werden könne, weil sich beim Jungtier noch nicht so viel Fettgewebe gebildet habe wie bei einigen älteren.
Besonders schön an der Frühkastration ist der geringe soziale Stress: die kleinen Kastraten, die ja noch nicht zeugungsfähig sind, können nach der Operation wieder zurück in die Gruppe. Erwachsene Böcke hingegen müssen nach dem Eingriff noch mehrere Wochen (hier varieren die Angaben: zwischen zwei und zehn Wochen haben wir schon alles gehört) separat gehalten werden, weil sie sonst unter Umständen noch decken können.
Allerdings bleibt nur wenig Spermium erhalten - wo immer möglich setzt man also einen Kastraten nach der Operation zu Jungböcken oder bereits trächtigen Weibchen. Dort wird er sehr rasch aufreiten und damit seinen letzten "Schuss" verbrauchen, ohne damit "etwas" anzustellen. Auf diese Weise kann man ihm eine wochenlange Einzelhaft ersparen.
Mehr dazu nachzulesen bei "Fragen Sie Frau Meier".