SCHIMMEL (Fellfarbe)

Die Fellfarbe Schimmel ist insofern etwas Besonderes, als sie einerseits oft optisch nicht zu unterscheiden ist von einer Weiss-Brindelung, gleichzeitig aber züchterisch besonders heikel ist. Darum verdient sie hier eine Extra-Seite. Schimmel und Dalmatiner sind grundsätzlich in allen Rassen und Fellvarianten anzutreffen, bei Langhaarrassen bisher aber seltener, da dort die spezielle Zeichnung weniger gut zur Geltung kommt und sie darum in Langhaarrassen bis jetzt seltener gezüchtet werden.

Geschimmelte Meerschweinchen haben in den Farbfeldern ihres Pelzes viele einzelne weisse Haare eingestreut, es kommen also innerhalb eines Farbfeldes jeweils mindestens zwei verschiedene Haarfarben vor: eine Vollfarbe und Weiss. Teilweise vermischt sich das so stark, dass zwei Vollfarben zusammen mit Weiss in einem einzigen Farbfeld auftreten. Auch umgekehrt ist der Effekt möglich: mehrheitlich weisse Farbfelder, in denen einzelne bunte Haare eingestreut sind.

Typisch sind Schwarz-Schimmel, Rot-Schimmel und Bunt-Schimmel.
Aber auch Dalmatiner (in Schoko oder Schwarz) sind genetisch gesehen Schimmel. Sie haben lediglich eine ganz spezielle Verteilung der Farbfelder.

Einige Bildbeispiele: (die Bilder lassen sich durch Anklicken auch vergrössern)

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Oft ist es nicht ganz einfach, aufgrund des Aussehens sicher zu beurteilen, ob ein Tier Schimmel ist oder nicht.
Hier "Gegenbeispiele" von Tieren, die ähnlich aussehen, aber mit Sicherheit (Abstammung bekannt in mehreren Generationen) keine Schimmel sind:

fabiola.jpg (29603 Byte) schokobrindle.jpg (29717 Byte) Links zwei gebrindelte Tiere, unten zwei Tiere mit Sonderfarbe. Die weissen Stichelhaare sind "umgekehrte Agouti", die Haare haben schokofarbene Spitzen. Kein Schimmel. Mehr dazu auf der HP der Naturburschen, Stichwort Farbprojekte.
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Das Schimmel-Gen ist IMMER gekoppelt mit dem sogenannten Letal-Faktor. Verpaart man zwei geschimmelte Tiere miteinander, wird der Letal-Faktor also von beiden Elternteilen eingebracht, kommen teilweise verkrüppelte, nicht lebensfähige Jungtiere zur Welt, es kommt vermehrt zu Fehlgeburten, Totgeburten, etc.

SCHIMMEL DÜRFEN DARUM IMMER NUR MIT TIEREN IN VOLLFARBEN VERPAART WERDEN, NIEMALS MIT ANDEREN SCHIMMELN ODER MIT WEISS-SCHECKEN UND MÖGLICHST NICHT MIT TIEREN IN VERDÜNNUNGSFARBEN

In praktisch allen Quellen wird darauf hingewiesen, dass das Schimmel-Gen dominant ist, dass man also bei einem Tier, das dieses Gen trägt, die Schimmelung auch wirklich sieht. Leider ist das nur begrenzt richtig. Hat ein Tier nebst dem Schimmelgen auch noch das Gen zur Weiss-Scheckung, überlagern die weissen Flecken oft die geschimmelten Stellen, das Tier sieht optisch dann also aus wie ein ganz gewöhnlicher Schecke (zweifarbig oder bunt). Man kann rein optisch absolut nicht feststellen, dass es ein Schimmel ist!
Ausserdem kommt es immer wieder vor, dass ein Schimmel nur extrem schwach gezeichnet ist, also nur ganz wenige weisse Haare trägt, die man leicht übersieht.  Man kann so ein Tier leicht mit einem normalen Meerschweinchen verwechseln, aber es vererbt genauso das Schimmelgen.
Bei Tieren mit Verdünnungsfarben sind einzelne Haare oft so sehr aufgehellt, dass man nicht mit Sicherheit sagen kann, ob sie nun noch bunt sind, oder eben weiss. Speziell heikel ist das bei Tieren, die cremefarbene Farbfelder haben. Creme ist oft so hell, dass es von weiss kaum unterschieden werden kann. Eine Schimmelung in einem cremefarbenen Farbfeld ist teilweise kaum zu erkennen.
Und schliesslich gibt es Hinweise darauf, dass selbst vollfarbene Tiere aus Schimmelabstammung eben doch die Veranlagung zu dieser Zeichnung weitergeben können. Es ist beispielsweise bekannt, dass in der Dalmatinerzucht uni schwarze oder uni schoko Tiere, die aus Dalmatinerlinien stammen, schöner gezeichnete Dalmatinernachkommen bringen als solche, die garantiert nicht aus Dalmatinerabstammung kommen. In einem Fall, der uns persönlich bekannt ist, entstanden aus der Verpaarung eines Buntschimmelweibchens mit einem schwarz-rot-brindle Bocks (aus Schimmelabstammung!) zwei weisse, letale Jungtiere.

ALLE JUNGTIERE AUS EINER SCHIMMELVERPAARUNG SOLLTEN MIT ABSTAMMUNGSAUSWEIS UND MIT EINEM MERKBLATT ABGEGEBEN WERDEN, DAMIT AUCH IN DER NÄCHSTEN ODER ÜBERNÄCHSTEN GENERATION NICHT VERSEHENTLICH ZWEI SCHIMMEL MITEINANDER VERPAART WERDEN.

Bei Tieren unbekannter Abstammung, bei denen man nicht mit Sicherheit ausschliessen kann, dass sie Schimmel sind, müssen die gleichen Regeln angewandt werden wie bei sicheren Schimmeln.

Weitere Informationen zur Genetik findet man bei The Golden Nuggets.
Die Züchterin Karin Burri hat ein Merkblatt zur Schimmelzucht geschrieben, das heruntergeladen werden darf und das man auch weitergeben darf.

So schön Schimmel sind, stellt sich hier grundsätzlich die Frage, ob man wirklich unbedingt alles züchten muss, trotz den negativen Begleiterscheinungen. Muss man alles machen, was machbar ist? Warum kann man nicht einfach auf solche heiklen Zuchten verzichten? Es gibt doch so viele andere schöne Meerschweinchen!

Hier zwei Beispiele aus unserem Bekanntenkreis zu unsorgfältiger Schimmelvermehrung:

1. Trächtiges Dalmatinerweibchen an Ausstellung gekauft
An einer Meerschweinchenausstellung hat sich T. ein hübsches junges Dalmatinerweibchen gekauft. Es kommt in eine kleine Gruppe von Meerschweinchen, die aus einem Kastraten und mehreren Weibchen besteht. Nach einigen Wochen zeigt sich deutlich, dass dieses Jungtier trächtig ist - es wurde ganz offensichtlich bereits beim Züchter gedeckt und trächtig verkauft. An sich ist das allein schon traurig genug, das Weibchen ist ganz klar noch zu jung, um bereits Nachwuchs zu haben, es ist ja selber noch mitten im Wachstum. Trotzdem freut sich T. sehr auf den Wurf, sie hat auch Platz, um noch einige Meerschweinchen zu behalten.
Als es dann soweit ist, kommt das grosse Erschrecken: ein Teil der Babys ist nicht richtig entwickelt, hat massive Deformationen und kommt bereits tot zur Welt, bzw. stirbt nach wenigen Stunden. Zwei Babys sind lebensfähig, aber T. ist sehr verunsichert, ob die beiden wohl wirklich gesund sind und überleben werden. Sie informiert sich über Dalmatiner und erfährt nebenbei, dass die Züchterin ihres Weibchens des öfteren den Bock im gleichen Stall lässt, wenn ein Weibchen wirft - also bewusst in Kauf nimmt, dass sowohl das Muttertier sofort nach der Geburt nachgedeckt wird, als auch, dass die eigenen Töchter vom Vater gedeckt werden. Und das, obwohl dieser Züchterin sehr wohl bewusst ist, dass Dalmatiner den Letalfaktor tragen und die geschimmelten Töchter eines geschimmelten Bocks also mit grosser Wahrscheinlichkeit letale Babys bekommen werden! Trotzdem gibt diese Züchterin ohne mit der Wimper zu zucken ihre Weibchen an ahnungslose Liebhaber ab und informiert in keinster Weise.

2. Trächtiges Buntschimmelweibchen im Bekanntenkreis übernommen
Eine Meerschweinchenhalterin möchte gerne einige ihrer Weibchen decken lassen und sucht einen geeigneten Bock. Durch eine Bekannte kann sie einen schwarz-weissen Rosettenbock übernehmen und verpaart den mit zweien ihrer Goldagouti-Weibchen. Das Ergebnis verblüfft so ziemlich: die Jungen sind mehrheitlich sehr hübsche Buntschimmel. Die Züchterin des schwarz-weissen Rosettenbocks hat zwar ab und zu Schimmel, aber es war weder ihr noch der Bekannten, die den Bock weitergegeben hat, bewusst, dass dieser Bock das Schimmelgen vererben kann.
Die Jungen sind alle gesund und kräftig, die Mütter haben als Goldagoutis kein Schimmelgen.
Tragisch wird es erst in der nächsten Generation: die Jungen werden zu spät getrennt, ein Jungbock deckt seine eigene Schwester. Der Bock ist vollständig rot-schwarz gebrindelt, hat kein einziges weisses Haar, das Weibchen hingegen ist ein Buntschimmelchen. Als die Tiere an neue Besitzer abgegeben werden, ist noch nicht sicher, ob das Weibchen wirklich trächtig ist, aber man muss es annehmen. Da nach gängiger Lehrmeinung aber ein Tier in Vollfarben kein Schimmelgen weitervererbt, scheint es, als ob es sich hier um "nur" um eine bedauerliche Inzuchtverpaarung handelt.
Trotzdem ist die neue Besitzern etwas nervös, sie weiss um die Problematik der Schimmel.
Nach einigen Wochen kommen zwei Jungtiere zur Welt: beide schneeweiss mit roten Augen, beide sehr lebhaft und verhältnismässig kräftig. Eins davon hat vorn nur einen Zahn, das andere hat überhaupt keine Schneidezähne. Die Frage stellt sich sofort: sind das nun sogenannte "Letal Whites" oder sind sie aus einem anderen Grund behindert? Wachsen die Zähne später vielleicht noch korrekt oder besteht da keine Chance?
Verschiedene Tierärzte werden konsultiert. Es ist völlig klar, die Jungen sind derart lebhaft und kämpferisch, dass niemand sie kurzerhand einschläfern will. Tierärztin eins macht Hoffnungen, die beiden könnten auch ohne korrekte Zähne leben, wenn man ihnen anfangs mit Päppelbrei hilft und später geraffeltes Gemüse und Früchte anbietet. Heu sollten sie auch ohne Vorderzähne fressen können, das müssen sie lediglich mit der Zunge ins Mäulchen ziehen und dann mit den (vorhandenen) Backenzähne zermahlen.
Aber es ist auch klar, dass die beiden in einem normalen Meerschweinchenrudel untergehen würden, weil sie viel mehr Zeit brauchen zum Fressen. Es wird also ein neues Meerschweinchenheim eingerichtet, in dem die beiden mit ihrer Mutter separat wohnen, sie werden täglich mehrmals mit Katzenaufzuchtsmilch und Critical Care gefüttert. Trotzdem bleiben Bedenken.
Tierarzt zwei weiss ganz klar wesentlich mehr über Schimmelzucht und klärt genauer ab. Er stellt fest, dass die beiden nur verminderte Sehfähigkeiten haben und vermutlich auch nur wenig hören. Sie quieken trotzdem wie wahre Weltmeister - aber es ist anzunehmen, dass sie die leise, beruhigende Antwort ihrer Mutter nicht hören.
Nach einem knappen Monat voller Auf und Abs erkrankte eins der beiden Jungtiere an einer Ohrenentzündung und starb sehr rasch. Von da an war auch das Schicksal des zweiten wieder sehr ungewiss... die Mutter wollte längst nichts mehr von ihren Babys wissen, nun war das zweite ganz allein, ohne Spielkamerad. Die Besitzerin kaufte ein gesundes Jungtier dazu, das ungefähr die gleiche Grösse hatte. Die beiden verstanden sich auf Anhieb gut, waren viel zusammen unterwegs und kuschelten sich auch aneinander. Aber natürlich musste das kleine Schimmelchen auch weiterhin von Hand zugefüttert werden und natürlich wuchs das gesunde Meerschweinchen deutlich schneller. Noch immer machte sich die Besitzerin aber grosse Hoffnungen, dass Louise, das behinderte Meerschweinchenweibchen, überleben könnte.
Die Kleine frass teilweise selbständig feingeraffeltes Obst und Gemüse, versuchte eifrig, Heu zu fressen - aber wirklich erfolgreich war sie nicht, zwischendurch musste sie auch im Alter von zwei Monaten noch zugefüttert werden. Immer wieder versuchte die Besitzerin, wenigstens das Päppeln zu reduzieren oder einzustellen. Das wäre ein Schritt hin zu einem normaleren Meersäuli leben gewesen. Aber es klappte nicht zufriedenstellend.
Trotzdem ging es Louise nach wie vor viel zu gut, um sie kurzerhand einschläfern zu lassen, sie kämpfte mit aller Kraft um ihr Leben, benagte mit ihren zahnlosen Kiefern alles, was ihr vor die Nase kam (Handtuch, Menschenhand, Käfigeinrichtung - und manchmal erwischte sie auch wirklich etwas essbares). Nach wie vor düste sie auch voller Elan durch die ganze Meerschweinchenanlage.
Ungefähr zwei Monate nach ihrer Geburt war dann aber auch ihre Lebenskraft aufgebraucht, sie verlor den Appetit und die Energie. Schliesslich wurde sie vom Tierarzt erlöst, weil man ihr nicht mehr helfen konnte.
Diese zwei Monate haben der Besitzerin so ziemlich das Letzte abverlangt an Nerven und Geduld, immer wieder kam Hoffnung auf, immer wieder gabs neue Enttäuschungen. Die beiden Meerschweinchen, Thelma und Louise, haben um ihr kurzes Leben gekämpft, aber schlussendlich verloren. Und das alles nur, weil Menschen in ihrer Unwissenheit und ohne böse Absicht eine völlig blödsinnige Verpaarung zugelassen haben.
Leider lässt sich die Geschichte von Thelma und Louise unterdessen nirgends mehr nachlesen. Es wäre an sich gut, wenn auch solche Dinge irgendwo im Internet ihren Platz finden würden. Zur Abschreckung oder zum Aufrütteln oder wie auch immer...

Ein weiteres eindrückliches Beispiel eines überlebenden "Letal White" findet sich im Internet auf der HP von Hühnchen. Hühnchen kann zwar selber fressen, da sie Zähne hat. Weil sie aber taub und blind ist, kann sie nicht in einem normalen Meerschweinchenrudel leben.