SCHIMMEL (Fellfarbe)
Die Fellfarbe Schimmel ist insofern etwas Besonderes,
als sie einerseits oft optisch nicht zu unterscheiden ist von einer
Weiss-Brindelung, gleichzeitig aber züchterisch besonders heikel ist. Darum
verdient sie hier eine Extra-Seite. Schimmel und Dalmatiner sind grundsätzlich
in allen Rassen und Fellvarianten anzutreffen, bei Langhaarrassen bisher aber
seltener, da dort die spezielle Zeichnung weniger gut zur Geltung kommt und sie
darum in Langhaarrassen bis jetzt seltener gezüchtet werden.
Geschimmelte Meerschweinchen haben in den Farbfeldern ihres Pelzes viele
einzelne weisse Haare eingestreut, es kommen also innerhalb eines Farbfeldes
jeweils mindestens zwei verschiedene Haarfarben vor: eine Vollfarbe und Weiss.
Teilweise vermischt sich das so stark, dass zwei Vollfarben zusammen mit Weiss
in einem einzigen Farbfeld auftreten. Auch umgekehrt ist der Effekt möglich:
mehrheitlich weisse Farbfelder, in denen einzelne bunte Haare eingestreut sind.
Typisch sind Schwarz-Schimmel, Rot-Schimmel und Bunt-Schimmel.
Aber auch Dalmatiner (in Schoko oder Schwarz) sind genetisch gesehen Schimmel.
Sie haben lediglich eine ganz spezielle Verteilung der Farbfelder.
Einige Bildbeispiele: (die Bilder lassen sich durch Anklicken auch vergrössern)
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Oft ist es nicht ganz einfach, aufgrund des Aussehens
sicher zu beurteilen, ob ein Tier Schimmel ist oder nicht.
Hier "Gegenbeispiele" von Tieren, die ähnlich aussehen, aber mit
Sicherheit (Abstammung bekannt in mehreren Generationen) keine Schimmel sind:
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Links zwei gebrindelte Tiere, unten zwei Tiere mit Sonderfarbe. Die weissen Stichelhaare sind "umgekehrte Agouti", die Haare haben schokofarbene Spitzen. Kein Schimmel. Mehr dazu auf der HP der Naturburschen, Stichwort Farbprojekte. |
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Das Schimmel-Gen ist IMMER gekoppelt mit dem
sogenannten Letal-Faktor. Verpaart man zwei geschimmelte Tiere miteinander, wird
der Letal-Faktor also von beiden Elternteilen eingebracht, kommen teilweise
verkrüppelte, nicht lebensfähige Jungtiere zur Welt, es kommt vermehrt zu
Fehlgeburten, Totgeburten, etc.
SCHIMMEL DÜRFEN DARUM IMMER NUR MIT TIEREN IN
VOLLFARBEN VERPAART WERDEN, NIEMALS MIT ANDEREN SCHIMMELN ODER MIT
WEISS-SCHECKEN UND MÖGLICHST NICHT MIT TIEREN IN VERDÜNNUNGSFARBEN
In praktisch allen Quellen wird darauf hingewiesen, dass das Schimmel-Gen
dominant ist, dass man also bei einem Tier, das dieses Gen trägt, die
Schimmelung auch wirklich sieht. Leider ist das nur begrenzt richtig. Hat ein
Tier nebst dem Schimmelgen auch noch das Gen zur Weiss-Scheckung, überlagern
die weissen Flecken oft die geschimmelten Stellen, das Tier sieht optisch dann
also aus wie ein ganz gewöhnlicher Schecke (zweifarbig oder bunt). Man kann
rein optisch absolut nicht feststellen, dass es ein Schimmel ist!
Ausserdem kommt es immer wieder vor, dass ein Schimmel nur extrem schwach
gezeichnet ist, also nur ganz wenige weisse Haare trägt, die man leicht
übersieht. Man kann so ein Tier leicht mit einem normalen Meerschweinchen
verwechseln, aber es vererbt genauso das Schimmelgen.
Bei Tieren mit Verdünnungsfarben sind einzelne Haare oft so sehr aufgehellt,
dass man nicht mit Sicherheit sagen kann, ob sie nun noch bunt sind, oder eben
weiss. Speziell heikel ist das bei Tieren, die cremefarbene Farbfelder haben.
Creme ist oft so hell, dass es von weiss kaum unterschieden werden kann. Eine
Schimmelung in einem cremefarbenen Farbfeld ist teilweise kaum zu erkennen.
Und schliesslich gibt es Hinweise darauf, dass selbst vollfarbene Tiere aus
Schimmelabstammung eben doch die Veranlagung zu dieser Zeichnung weitergeben
können. Es ist beispielsweise bekannt, dass in der Dalmatinerzucht uni schwarze
oder uni schoko Tiere, die aus Dalmatinerlinien stammen, schöner gezeichnete
Dalmatinernachkommen bringen als solche, die garantiert nicht aus
Dalmatinerabstammung kommen. In einem Fall, der uns persönlich bekannt ist,
entstanden aus der Verpaarung eines Buntschimmelweibchens mit einem
schwarz-rot-brindle Bocks (aus Schimmelabstammung!) zwei weisse, letale
Jungtiere.
ALLE JUNGTIERE AUS EINER SCHIMMELVERPAARUNG
SOLLTEN MIT ABSTAMMUNGSAUSWEIS UND MIT EINEM MERKBLATT ABGEGEBEN WERDEN, DAMIT
AUCH IN DER NÄCHSTEN ODER ÜBERNÄCHSTEN GENERATION NICHT VERSEHENTLICH ZWEI
SCHIMMEL MITEINANDER VERPAART WERDEN.
Bei Tieren unbekannter Abstammung, bei denen man nicht mit Sicherheit
ausschliessen kann, dass sie Schimmel sind, müssen die gleichen Regeln
angewandt werden wie bei sicheren Schimmeln.
Weitere Informationen zur Genetik findet man bei The
Golden Nuggets.
Die Züchterin Karin Burri hat ein Merkblatt
zur Schimmelzucht geschrieben, das heruntergeladen werden darf und das man
auch weitergeben darf.
So schön Schimmel sind, stellt sich hier
grundsätzlich die Frage, ob man wirklich unbedingt alles züchten muss, trotz
den negativen Begleiterscheinungen. Muss man alles machen, was machbar ist?
Warum kann man nicht einfach auf solche heiklen Zuchten verzichten? Es gibt doch
so viele andere schöne Meerschweinchen!
Hier zwei Beispiele aus unserem Bekanntenkreis zu
unsorgfältiger Schimmelvermehrung:
1. Trächtiges Dalmatinerweibchen an Ausstellung
gekauft
An einer Meerschweinchenausstellung hat sich T. ein hübsches junges
Dalmatinerweibchen gekauft. Es kommt in eine kleine Gruppe von Meerschweinchen,
die aus einem Kastraten und mehreren Weibchen besteht. Nach einigen Wochen zeigt
sich deutlich, dass dieses Jungtier trächtig ist - es wurde ganz offensichtlich
bereits beim Züchter gedeckt und trächtig verkauft. An sich ist das allein
schon traurig genug, das Weibchen ist ganz klar noch zu jung, um bereits
Nachwuchs zu haben, es ist ja selber noch mitten im Wachstum. Trotzdem freut
sich T. sehr auf den Wurf, sie hat auch Platz, um noch einige Meerschweinchen zu
behalten.
Als es dann soweit ist, kommt das grosse Erschrecken: ein Teil der Babys ist
nicht richtig entwickelt, hat massive Deformationen und kommt bereits tot zur
Welt, bzw. stirbt nach wenigen Stunden. Zwei Babys sind lebensfähig, aber T.
ist sehr verunsichert, ob die beiden wohl wirklich gesund sind und überleben
werden. Sie informiert sich über Dalmatiner und erfährt nebenbei, dass die
Züchterin ihres Weibchens des öfteren den Bock im gleichen Stall lässt, wenn
ein Weibchen wirft - also bewusst in Kauf nimmt, dass sowohl das Muttertier
sofort nach der Geburt nachgedeckt wird, als auch, dass die eigenen Töchter vom
Vater gedeckt werden. Und das, obwohl dieser Züchterin sehr wohl bewusst ist,
dass Dalmatiner den Letalfaktor tragen und die geschimmelten Töchter eines
geschimmelten Bocks also mit grosser Wahrscheinlichkeit letale Babys bekommen
werden! Trotzdem gibt diese Züchterin ohne mit der Wimper zu zucken ihre
Weibchen an ahnungslose Liebhaber ab und informiert in keinster Weise.
2. Trächtiges Buntschimmelweibchen im
Bekanntenkreis übernommen
Eine Meerschweinchenhalterin möchte gerne einige ihrer Weibchen
decken lassen und sucht einen geeigneten Bock. Durch eine Bekannte kann sie
einen schwarz-weissen Rosettenbock übernehmen und verpaart den mit zweien ihrer
Goldagouti-Weibchen. Das Ergebnis verblüfft so ziemlich: die Jungen sind
mehrheitlich sehr hübsche Buntschimmel. Die Züchterin des schwarz-weissen
Rosettenbocks hat zwar ab und zu Schimmel, aber es war weder ihr noch der
Bekannten, die den Bock weitergegeben hat, bewusst, dass dieser Bock das
Schimmelgen vererben kann.
Die Jungen sind alle gesund und kräftig, die Mütter haben als Goldagoutis kein
Schimmelgen.
Tragisch wird es erst in der nächsten Generation: die Jungen werden zu spät
getrennt, ein Jungbock deckt seine eigene Schwester. Der Bock ist vollständig
rot-schwarz gebrindelt, hat kein einziges weisses Haar, das Weibchen hingegen
ist ein Buntschimmelchen. Als die Tiere an neue Besitzer abgegeben werden, ist
noch nicht sicher, ob das Weibchen wirklich trächtig ist, aber man muss es
annehmen. Da nach gängiger Lehrmeinung aber ein Tier in Vollfarben kein
Schimmelgen weitervererbt, scheint es, als ob es sich hier um "nur" um
eine bedauerliche Inzuchtverpaarung handelt.
Trotzdem ist die neue Besitzern etwas nervös, sie weiss um die Problematik der
Schimmel.
Nach einigen Wochen kommen zwei Jungtiere zur Welt: beide schneeweiss mit roten
Augen, beide sehr lebhaft und verhältnismässig kräftig. Eins davon hat vorn
nur einen Zahn, das andere hat überhaupt keine Schneidezähne. Die Frage stellt
sich sofort: sind das nun sogenannte "Letal Whites" oder sind sie aus
einem anderen Grund behindert? Wachsen die Zähne später vielleicht noch
korrekt oder besteht da keine Chance?
Verschiedene Tierärzte werden konsultiert. Es ist völlig klar, die Jungen sind
derart lebhaft und kämpferisch, dass niemand sie kurzerhand einschläfern will.
Tierärztin eins macht Hoffnungen, die beiden könnten auch ohne korrekte Zähne
leben, wenn man ihnen anfangs mit Päppelbrei hilft und später geraffeltes
Gemüse und Früchte anbietet. Heu sollten sie auch ohne Vorderzähne fressen
können, das müssen sie lediglich mit der Zunge ins Mäulchen ziehen und dann
mit den (vorhandenen) Backenzähne zermahlen.
Aber es ist auch klar, dass die beiden in einem normalen Meerschweinchenrudel
untergehen würden, weil sie viel mehr Zeit brauchen zum Fressen. Es wird also
ein neues Meerschweinchenheim eingerichtet, in dem die beiden mit ihrer Mutter
separat wohnen, sie werden täglich mehrmals mit Katzenaufzuchtsmilch und
Critical Care gefüttert. Trotzdem bleiben Bedenken.
Tierarzt zwei weiss ganz klar wesentlich mehr über Schimmelzucht und klärt
genauer ab. Er stellt fest, dass die beiden nur verminderte Sehfähigkeiten
haben und vermutlich auch nur wenig hören. Sie quieken trotzdem wie wahre
Weltmeister - aber es ist anzunehmen, dass sie die leise, beruhigende Antwort
ihrer Mutter nicht hören.
Nach einem knappen Monat voller Auf und Abs erkrankte eins der beiden Jungtiere
an einer Ohrenentzündung und starb sehr rasch. Von da an war auch das Schicksal
des zweiten wieder sehr ungewiss... die Mutter wollte längst nichts mehr von
ihren Babys wissen, nun war das zweite ganz allein, ohne Spielkamerad. Die
Besitzerin kaufte ein gesundes Jungtier dazu, das ungefähr die gleiche Grösse
hatte. Die beiden verstanden sich auf Anhieb gut, waren viel zusammen unterwegs
und kuschelten sich auch aneinander. Aber natürlich musste das kleine
Schimmelchen auch weiterhin von Hand zugefüttert werden und natürlich wuchs
das gesunde Meerschweinchen deutlich schneller. Noch immer machte sich die
Besitzerin aber grosse Hoffnungen, dass Louise, das behinderte
Meerschweinchenweibchen, überleben könnte.
Die Kleine frass teilweise selbständig feingeraffeltes Obst und Gemüse,
versuchte eifrig, Heu zu fressen - aber wirklich erfolgreich war sie nicht,
zwischendurch musste sie auch im Alter von zwei Monaten noch zugefüttert
werden. Immer wieder versuchte die Besitzerin, wenigstens das Päppeln zu
reduzieren oder einzustellen. Das wäre ein Schritt hin zu einem normaleren
Meersäuli leben gewesen. Aber es klappte nicht zufriedenstellend.
Trotzdem ging es Louise nach wie vor viel zu gut, um sie kurzerhand
einschläfern zu lassen, sie kämpfte mit aller Kraft um ihr Leben, benagte mit
ihren zahnlosen Kiefern alles, was ihr vor die Nase kam (Handtuch, Menschenhand,
Käfigeinrichtung - und manchmal erwischte sie auch wirklich etwas essbares).
Nach wie vor düste sie auch voller Elan durch die ganze Meerschweinchenanlage.
Ungefähr zwei Monate nach ihrer Geburt war dann aber auch ihre Lebenskraft
aufgebraucht, sie verlor den Appetit und die Energie. Schliesslich wurde sie vom
Tierarzt erlöst, weil man ihr nicht mehr helfen konnte.
Diese zwei Monate haben der Besitzerin so ziemlich das Letzte abverlangt an
Nerven und Geduld, immer wieder kam Hoffnung auf, immer wieder gabs neue
Enttäuschungen. Die beiden Meerschweinchen, Thelma und Louise, haben um ihr
kurzes Leben gekämpft, aber schlussendlich verloren. Und das alles nur, weil
Menschen in ihrer Unwissenheit und ohne böse Absicht eine völlig blödsinnige
Verpaarung zugelassen haben.
Leider lässt sich die Geschichte von Thelma und Louise unterdessen nirgends
mehr nachlesen. Es wäre an sich gut, wenn auch solche Dinge irgendwo im
Internet ihren Platz finden würden. Zur Abschreckung oder zum Aufrütteln oder
wie auch immer...
Ein weiteres eindrückliches Beispiel eines überlebenden "Letal
White" findet sich im Internet auf der HP von Hühnchen.
Hühnchen kann zwar selber fressen, da sie Zähne hat. Weil sie aber taub und
blind ist, kann sie nicht in einem normalen Meerschweinchenrudel leben.