INZUCHT

Inzucht ist ein enorm umstrittenes Thema, das die Gemüter immer wieder stark bewegt und grosse Emotionen hervorruft. Ganz allgemein hat Inzucht einen sehr negativen Anstrich - man vergisst dabei gerne, dass bei praktisch allen Tierarten, die gezielt gezüchtet wurden und werden, regelmässig gezielt Inzucht betrieben wird, um Zuchtmerkmale zu fördern und spezielle Eigenschaften herauszuzüchten.
Als berühmtestes Beispiel dafür kann man wohl die Zucht des englischen Vollblutpferdes nehmen; sämtliche heute im Studbuch eingetragenen englischen Vollblüter gehen auf lediglich drei Hengste zurück!
Trotzdem würde wohl kaum jemand behaupten, alle englischen Vollblüter seien degenerierte Tiere, die unter einer starken Inzuchtdepression leiden und massive Mängel aufweisen.

Dabei ist die Inzuchtdepression durchaus nicht einfach ein Märchen oder ein Schreckgespenst. Tatsächlich zeigt sich bei einem hohen Inzuchtgrad über mehrere Generationen, dass die Tiere insgesamt eher kleiner werden, einen schwächeren Körperbau haben, weniger fruchtbar sind und krankheitsanfälliger werden.
In der Natur kommt Inzucht immer wieder vor, gerade bei Tieren wie Meerschweinchen, die normalerweise in Familiengruppen leben, ist ein gewisser Inzuchtgrad durchaus normal. Allerdings regelt die Natur sich eben auch selber; es wird immer wieder fremdes Genmaterial in eine Gruppe gebracht, indem einzelne Gruppenmitglieder die Gruppe verlassen und sich einer anderen "Familie" anschliessen.
Wo immer eine kleine Tierpopulation völlig abgeschnitten ist von anderen Tieren ihrer Art, beispielsweise auf Inseln, entsteht zwangsläufig Inzucht über viele Generationen hinweg und in der Folge werden eindeutige Inzuchtschäden beobachtet, die Genvielfalt vermindert sich immer mehr.

Genauso, wie negative Eigenschaften durch die abnehmende Genvielfalt verstärkt werden, verstärken sich aber auch positive Eigenschaften. Das macht sich die Zucht zunutze, wenn sie Inzucht einsetzt, um ganz bestimmte Zuchtziele zu erreichen. Dabei ist dann meist allerdings die Rede von Linienzucht.
Bei einer echten Linienzucht sind aber nicht einzelne Inzuchtverpaarungen gemeint, sondern ein aufwändiges Zuchtprogramm, dass im Idealfall mehrere Linien umfängt, die untereinander nicht verwandt sind, aber sehr ähnliche Eigenschaften aufweisen. Der Unterschied zwischen einer sorgfältig geführten Linienzucht und der unter Hobbyzüchtern verbreiteten "gewöhnlichen" Inzucht wird beispielsweise im Buch "Haus- und Versuchstierpflege" ausführlich erläutert. (Das Buch ist Pflichtlektüre bei der Ausbildung zum Tierpfleger) 

Ein weiterer Begriff, der ab und zu auftaucht, ist die Inzestzucht. Damit werden Verpaarungen bezeichnet, bei denen Tiere eingesetzt werden, die ersten Grades miteinander verwandt sind.
Also Vater-Tochter, Mutter-Sohn oder Vollgeschwister. Solche Verpaarungen werden von den Zuchtverbänden vieler Tierarten grundsätzlich abgelehnt und nur noch in Ausnahmefällen bewilligt. Bei Meerschweinchen sind sie sowohl unter Züchtern, wie auch bei Vermehrern nach wie vor nicht unüblich, werden aber von sehr vielen Meerschweinchenliebhabern generell (und wir meinen: zu recht) abgelehnt.

Stöbert man mal ausgiebig durch Literatur und Internet, findet man immer wieder den Begriff des Inzuchtkoeffizienten. Und meist gleich dazu eine Formel zur Berechnung, die den meisten wohl ziemlich spanisch vorkommen wird. Und die man mangels detaillierter Angaben zum Tier bei Meerschweinchen auch meistens gar nicht anwenden kann.
Eine wesentlich einfachere Tabelle zum Inzuchtgrad gibt Raymonde Harland, Katzenzüchterin, in ihrem Artikel im "Katzen-Extra 10/01" an. Wir übernehmen diese hier mit ihrer freundlichen Erlaubnis.
Generell liest man bei vielen verschiedenen Autoren, erst ein Inzuchtkoeffizient von mehr als 20 % sei ernsthaft bedenklich und nur, wenn ein so hoher Inzuchtgrad über mehrere Generationen auftrete, seien auch ernsthafte Schäden durch Inzuchtdepression nachweisbar. Da wir so etwas nicht überprüfen können, übernehmen wir auch diese Information und hoffen, dass sie korrekt ist.

Verpaarung Inzuchtkoeffizient %
Elternteil X Kind 25,00%
Vollgeschwister 25,00%
Halbgeschwister 12,50%
Onkel X Nichte, Tante X Neffe 12,50%
Großelternteil X Enkelkind 12,50%
Zweifache Cousins ersten Grades 12,50%
4-fache Halbcousins ersten Grades 12,50%
3-fache Halbcousins ersten Grades 9,38%
1-fache Cousins ersten Grades 6,25%
2-facher Cousin ersten Grades X Cousin zweiten Grades 6,25%
2-facher Halb-Cousins ersten Grades 6,25%
1-facher Cousin ersten Grades X Cousin zweiten Grades 3,13%
2-fache Cousins zweiten Grades 3,13%
1-fache Halb-Cousins ersten Grades 3,13%
1-fache Cousins zweiten Grades 1,56%


Leider wird teilweise noch immer zu sehr auf einzelne äusserliche Aspekte wie Farbintensität, Haarlänge, Haarfülle, Körperform, Ohransatz, etc. geachtet und dabei werden andere Punkte zum Teil massiv vernachlässigt. Für eine seriöse Zucht muss gleichzeitig auch darauf geachtet werden, dass man nur wirklich gesunde Tiere zur Zucht einsetzt. Auch auf Wesensmerkmale sollte dabei geachtet werden - was nützen uns beispielsweise wunderschöne Tiere, die nur begrenzt gruppenverträglich sind gerade bei einem Tier wie dem Meerschweinchen, das doch ein ausgesprochenes Rudeltier ist?
In diesem Zusammenhang muss man wohl auch bemerken, dass auf den teilweise tollen Abstammungspapieren, die unterdessen auch für Meerschweinchen erstellt werden, nicht wirklich viele Informationen zu finden sind.
Schon die Farbangaben sind oft ungenau und eher willkürlich, bei den Trägereigenschaften (Rexträger, Teddyträger, Satinträger, Lockenträger, etc.) sind sich sehr viele Züchter nicht wirklich sicher und schreiben im Zweifelsfall lieber einmal nichts, statt etwas Falsches. Man staunt dann mitunter doch nicht schlecht, wenn in der nächsten oder übernächsten Generation plötzlich Locken auftauchen oder Satintiere fallen...
Fehlwirbel, Faltohren, Roll-Lider und ähnliches wird bereits nur noch eher selten in den Papieren vermerkt und wenn, dann nur beim abgegebenen Tier selber. Dass ein Faltohr beim Grossvater Erwähnung findet, ist wohl praktisch ausgeschlossen.
Und dabei sind wir hier immer noch bei reinen Äusserlichkeiten!
Wo bleiben Angaben zu tatsächlich gravierenden Gendefekten? Darüber schweigt Mann und Frau sich grundsätzlich aus. Nicht zuletzt deshalb, weil bei den meisten Krankheits- und Todesfällen gar nicht sicher feststeht, was die eigentliche Ursache war und inwiefern diese durch die Genetik beeinflusst wurde. Mit derart schwammigen Informationen wirklich seriös züchten zu wollen, ist praktisch unmöglich.

Bei anderen Tierarten existiert dieses Problem selbstverständlich genauso. Interessant sind beispielsweise die sehr umfangreichen Ausführungen einer Hundezüchterin.