GEMISCHTE GRUPPEN MIT MEHREREN KASTRATEN

Immer wieder einmal taucht die Frage auf, ob man mehrere (kastrierte) Männchen gemeinsam in einem Weibchenrudel halten könne oder nicht. Die Antwort ist ein bisschen wie bei den berühmten "Radio-Eriwan Witzen": Im Prinzip ja...

Doch, sagen wir, es geht! ABER... nur unter den geeigneten Bedingungen. Und nicht immer und mit Garantie.
Unser eigenes grosses Rudel wurde über drei Jahre lang von Tassilo und Gandalf gemeinsam "betreut", die beiden teilten sich die Aufgabe des Haremswächters absolut friedlich. Tassilo, der selber Deckerfahrung hatte und zuerst zu den Damen gestossen ist, war ganz klar der Ranghöhere. Gandalf, der nie gedeckt hat, aber als Kastrat ein knappes Jahr zusammen mit einem Weibchen ohne jede männliche Konkurrenz verbracht hat, hat sich vom ersten Tag an völlig mühelos eingeordnet.
In den letzten zweieinhalb Jahren konnte man den beiden auch immer wieder mal einen anderen Kastraten vor die Nase setzen - sie reagierten nicht gross, sondern waren da sehr grosszügig, als wollten sie sagen "es hat ja Platz für alle und Weibchen genug"...

Nach dem Tod von Tassilo übernahm Gandalf nicht wirklich die Führung, zu diesem Zeitpunkt war grad ein erwachsener Kastrat in der Gruppe, der eigentlich nur zur Vermittlung bei uns abgegeben worden war und der dann später auch wieder auszog. Ihm folgten wechselnde Möchtegern-Chefs, die von Gandalf samt und sonders gutmütig aufgenommen wurden. 
Schliesslich zog im Sommer 2008 Guschti Brösmeli wieder bei uns ein und freute sich kurze Zeit über seine Rolle als Chef - bis im September dann Yorrick, der ehemalige Bockgruppenchef dazustiess (mittlerweile natürlich auch kastriert). Guschti und Yorrick "diskutieren" rund eine Woche lang, wer nun wieviel zu sagen habe. Ausser einer klitzekleinen Wunde an Guschtis Ohr, die aber rasch abheilte, passierte dabei nichts Ernsthaftes.
Und nach einer Woche war allen klar, dass Yorrick nun das Ruder übernommen hatte. 

Seither herrscht wieder Friede, Freude, Eierkuchen. Halt jetzt mit ständig drei Kastraten und ab und zu noch ein bis zwei vorübergehenden Gästen.



Und hier zeigt sich auch schon, worauf es eben ankommt bei einer gemischten Gruppe:

1.) Es ist viel Platz nötig. Faustregel: 1 Quadratmeter pro Tier. Und natürlich braucht es auch entsprechend viele Unterschlüpfe, Schlafgelegenheiten, Futterstellen, etc.

2.) Es sollten mehr Weibchen als Männchen in der Gruppe sein. Wir kennen einige Grossgruppen, bei denen fast die Hälfte der Gruppenmitglieder aus kastrierten Böcken besteht. Je kleiner die Gruppe ist, umso mehr sollte das Geschlechterverhältnis zugunsten der Weibchen sein.

3.) Nur zwei Kastraten mit mehreren Weibchen geht meist besser als drei. Die beiden klären relativ rasch, wer der Oberboss ist und wer Vize.

4.) Ist einer der beiden Kastraten ein echter Frühkastrat (OP zwischen 200 und 250 Gramm) und ist er vielleicht sogar in einer gemischten Gruppe oder unter Böcken aufgewachsen, geht es auf jeden Fall besser. Der "normale" Kastrat, der vielleicht sogar Deckerfahrung hat, wird dann in aller Regel ohne Diskussion als Chef anerkannt.

5.) Es steht und fällt mal wieder mit den Charakteren in der Gruppe. Wo ein sehr dominantes Weibchen dabei ist, haben die Kastraten oft sowieso nicht wirklich viel zu melden. Da geht dann allerhand, was sonst eigentlich nicht möglich wäre. Die Kastraten müssen sich untereinander mögen und natürlich sollte man in einer Gruppe mit mehreren Männchen höchstens ein wirklich dominantes, autoritäters Männchen halten. Sonst sind die Schwierigkeiten vorprogrammiert.

Hat man bereits eine Gruppe mit einem Kastraten und einigen Weibchen und hat dieser Kastrat ein gut ausgeprägtes Ego, ohne Machoallüren, so kann man in aller Regel völlig problemlos einen Frühkastraten in die Gruppe aufnehmen. Eine solche gemischten Gruppe ist unglaublich interessant zu beobachten!
Für uns mittlerweile die spannendste Haltungsmöglichkeit überhaupt.

Wir haben schon des öfteren erlebt, dass ein Kastrat, der uns als "asozial" geschildert wurde, in einer sehr grossen gemischten Gruppe (über 20 Tiere) absolut reibungslos eingegliedert wurde. Es ist ja auch ausgesprochen anstrengend, wenn man als Neuling mit 10 oder noch mehr anderen gleichzeitig zu streiten versucht - da überlegt es sich manch ein eher aggressives, unsicheres Tier, ob das nicht zu heikel werden könnte und zieht sich erst einmal ganz bescheiden zurück. Sehr grosse Gruppe interessieren sich meist nicht besonders für einen Neuling, der Neue wird anfangs einfach geduldet, aber kaum intensiv beschnuppert.
So hat er alle Zeit der Welt, sich die Sache in Ruhe zu überlegen und sich ein Bild von der Situation zu machen. Mit der Zeit findet er dann wirklich die "passenden" Kollegen und tut sich mit denen zusammen. Ob das nun bedeutet, dass er sich geschlechtsspezifisch neutral verhält und sich mit anderen Neutralen gern zusammensetzt oder ob er in der Gruppe einige Tiere findet, die er so richtig dominieren kann, spielt letztlich keine wesentliche Rolle; es findet sich praktisch für jeden das Passende im grossen Angebot.

In eher seltenen Fällen kommt es vor, dass ein "softer" Kastrat von einigen Weibchen nicht anerkannt wird und regelrecht gemobbt wird. Hier kann unter Umständen tatsächlich ein zweiter Kastrat für Abhilfe sorgen: ein echter Macho muss dann her, der den Damen so richtig Eindruck macht. Gleichzeitig muss er aber ein abgeklärter Typ sein, der nicht etwa auf den sanften Kastraten losgeht, sondern der diesem einfach die nötige Luft verschafft.
Wir kennen persönlich einige solcher Gruppen, wo ein zweiter Kastrat die Harmonie tatsächlich herstellen konnte, die vorher komplett gefehlt hat.

Von dem Moment an, wo in einer Gruppe zwei Kastraten gut miteinander auskommen, kann man meistens auch noch weitere Kastraten dazusetzen - vorausgesetzt, diese sind nicht allzu dominant und versuchen gleich, die Herrschaft an sich zu reissen. Ein Kastrat, der einmal gelernt hat, seine Weibchen mit einem anderen zu teilen, akzeptiert meistens relativ problemlos auch noch einen dritten. Der Neue sollte sich aber zumindest unauffällig benehmen und keine Besitzansprüche stellen. Wenn es ein junger Frühkastrat ist, gibt es praktisch nie Probleme. Mit einem erwachsenen Kastraten hingegen klappt es normalerweise nur, wenn er ein sehr zurückhaltender Typ ist, der nicht den Chef in Frage stellt.
Nach wie vor sollten es aber wirklich deutlich mehr Weibchen als Männchen sein.
Ausnahmen bestätigen die Regel.