BOCKGRUPPEN

Das Thema Bockgruppe ist seit einigen Jahren ein Dauerbrenner.
Es gilt dabei zu unterscheiden zwischen Gruppen von unkastrierten, erwachsenen Böcken, Gruppen von Jungböcken, Gruppen von spätkastrierten Böcken und solchen, die bereits VOR Erreichen der Geschlechtsreife kastriert wurden, also echten Frühkastraten (OP vor 250 gr). Da bestehen teilweise doch beträchtliche Unterschiede!
Und grundsätzlich gilt: keine Regel ohne Ausnahme. Jede Gruppe besteht aus mehreren Einzeltieren, Individuen mit ganz unterschiedlichem Charakter. Was in der einen Gruppe funktionert, muss nicht zwingend woanders ebenfalls klappen!

Wir versuchen hier, einige eigene Erfahrungen zusammenzufassen. Im Lauf der Jahre haben wir mehrfach unsere Ansicht ein wenig revidieren müssen und das wird vermutlich auch weiterhin so bleiben, denn es gibt ganz bestimmt keine "absolute Wahrheit". Andern geht es genauso. Es ist darum nicht weiter verwunderlich, dass man im Internet ganz unterschiedliche Aussagen zu diesem sehr kontroversen Thema findet.

Auf eine ausgezeichnete Sammlung von Texten zu diesem Thema möchten wir aber schon im Voraus hinweisen:
Nadias Gartenzwerge haben eigene Erfahrungen, Erfahrungen von verschiedenen Meerihaltern und wissenschaftliche Texte von Prof. Norbert Sachser (in leicht lesbarer Form zusammengefasst) zusammengetragen. Absolut sehen- und lesenswert! Hier gehts zu dieser Sammlung.


Es ist sehr schwierig, die vielfältigen Erfahrungen kurz und prägnant zusammenzufassen, das Thema ist sehr komplex. Hier einige Stichworte:

Charakter ist teilweise erblich. Für Bockgruppen sollte man deshalb Tiere wählen, die bereits wesensstarke, ruhige und ausgeglichene Eltern haben.
Das Aussehen sollte bei der Wahl der Gruppenmitglieder erst an zweiter Stelle kommen.

Verhalten wird auch durch soziales Lernen beeinflusst. Jungböcke, die mit mindestens einem starken, umgänglichen Bock oder Kastraten aufwachsen, sind später viel beser in der Lage, sich in einer Bockgruppe zu integrieren und ohne Rangeleien ihre soziale Stellung innerhalb der Gruppe zu finden.
Männchen, die nur mit Mutter und Geschwistern aufwachsen, haben oft wesentlich mehr Mühe, sich einzugliedern als solche, die aus gemischten Gruppen stammen oder die zumindest direkt nach dem Absetzen von der Mutter zu anderen Männchen gesellt wurden.

Altersmässig gemischte Gruppen sind stabiler als Gruppen aus lauter mehr oder weniger gleichaltrigen Tieren.

Frühkastraten (Kastration VOR Erreichen der Geschlechtsreife, also mit 200 - 250 gr) haben in aller Regel deutlich weniger männliches Dominanzverhalten und sind leichter in einer Gruppe zu integrieren. Sehr starke Charaktere können aber trotz Frühkastration anecken.

Gruppen von drei Böcken sind am heikelsten. Bei lediglich drei Gruppenmitgliedern übernimmt meistens eines die Führung, eins unterwirft sich problemlos, das dritte dominiert das unterlegene und kommt damit dem Führungsanspruch des ersten in die Quere. Rangeleien bis hin zu heftigen Kämpfen zwischen dem "Chef" und dem dritten Tier sind sehr häufig und können bis zum Tod (meist durch zu viel Stress, Erschöpfung, eher selten durch tödliche Verletzungen) führen.

Idealerweise setzt man deshalb entweder nur zwei oder aber dann gleich vier oder mehr Männchen zusammen.

Für Bockgruppen müssen sehr viele Versteckmöglichkeiten und Ausweichmöglichkeiten vorhanden sein. Engpässe und Sackgassen, wo ein Tier eingekeilt oder in die Enge getrieben werden kann, müssen vermieden werden. Wo immer sich Meerschweinchen bei Problemen ausweichen können, wird das unterlegene Tier versuchen, zu entkommen. Erst, wenn ihm dies nicht möglich ist, wehrt es sich ernsthaft oder greift seinerseits an.
Deshalb: Häuschen mit zwei Ein- bzw. Ausgängen, Ställe mit zwei Ein- bzw. Ausgängen, keine engen Tunnel als Verbindung, keine geschlossenen Gehegeteile mit nur einem Durchgang, keine schmalen Rampen, etc.

Veränderungen in der Gruppe (neue Mitglieder, Tod eines Mitglieds, Krankheit) oder an der Anlage (neue Einrichtungsgegenstände, Erweiterung, Umsetzen ins Gras, in einen fremden Stall (Ferien), etc. verursachen immer Verunsicherung und Aggression. Jede Veränderung sollte darum vorsichtig vorgenommen werden und nur, wenn sie nötig ist.

Zwei Böcke, die sich seit Monaten oder gar Jahren blendend vertragen, können sich unter Umständen aufs Blut bekämpfen, wenn man ihnen einen jungen dritten dazusetzt.

Eine gute Möglichkeit, neue Tiere aneinander zu gewöhnen, ist das schrittweise Zusammenführen:
Man teilt Stall/Gehege in zwei Abteile und setzt auf einer Seite den Neuling ein (evtl. zusammen mit einem unproblematischen, jungen oder sehr rangniedrigen Tier), auf der anderen Seite den Rest der Gruppe. Idealerweise besteht die Abtrennung aus Gitter, so dass sich die Tiere beschnuppern und sehen können, sich aber nicht verletzen können.
Nach ein, zwei Tagen wechselt man die Abteile, jede Gruppe wird ins Abteil der andern gesetzt. Es wird vorher absichtlich NICHT ausgemistet, so dass jede Gruppe nun also im Mist der andern sitzt und sich mit deren Gerüchen vertraut machen muss.
Nach weiteren ein, zwei Tagen wird ausgemistet.
Nach wiederum ein, zwei Tagen werden noch einmal die Abteile gewechselt. Die Gerüche der beiden Gruppen haben sich unterdessen ein wenig vermischt, alle "Beteiligten" haben sich mit der Situation gedanklich auseinandersetzen können.
Wenn man jetzt das Trenngitter entfernt, ist die Konfrontation meist weitgehend harmlos.

Bei Zweiergruppen von Böcken nimmt man am besten bei einem nötigen Tierarztbesuch gleich beide mit, um zu vermeiden, dass die beiden sich angiften, wenn sie wieder zusammengesetzt werden.

Es ist absolut NICHT zu empfehlen, Böcke, die zu zweit leben, zum Decken einzusetzen und zu diesem Zweck während mehrerer Wochen mit einem Weibchen zusammenzusetzen. Wenn die zwei anschliessend wieder zusammen kommen, werden sie sich fast sicher extrem bekämpfen und müssen in aller Regel getrennt werden.

Man kann allenfalls jeden der Böcke täglich für ein paar Stunden zu einem Weibchen setzen und anschliessend wieder zurück zu seinem Kumpel.
Wenn man den Zyklus des Weibchens aber nicht sehr genau kennt, ist das enorm aufwändig und eine sehr langwierige Methode zum Decken.

Böcke, die in einer Bockgruppe gehalten werden und die zum Decken eingesetzt werden sollen, sollten UNBEDINGT mindestens die ersten sechs Monate ihres Lebens in der Bockgruppe leben und sich dort gut integrieren. Zeigen sie sich aggressiv oder werden sie übermässig schikaniert von den andern Mitgliedern der Gruppe, eignen sie sich NICHT als Deckbock, bzw. können nur zum Decken eingesetzt werden, wenn sie anschliessend nicht mehr in der Bockgruppe untergebracht werden.

Ausgewachsene Männchen, die vorher nicht mit anderen Männchen zusammengelebt haben, kann man eventuell in sehr grossen Gruppen integrieren - es ist aber bestimmt mit viel Stress verbunden, deshalb muss man die Tiere sehr gut beobachten. In grossen Gruppen hält sich auch ein aggressives Tier meist aus reinem Selbstschutz zurück. Es ist schlicht und einfach zu anstrengend, wenn man mit 20 anderen gleichzeitig Streit hat...
In kleineren Gruppen legen sich Männchen ohne entsprechende Gruppenerfahrung meist sofort mit den rangniederen Mitgliedern an und geraten früher oder später auch mit den ranghohen aneinander.

Setzt man in eine bestehende Gruppe eine neues Tier dazu, das sich einem vorhandenen Chef unterordnen soll, ist es von Vorteil, vorher NICHT auszumisten. Das neue Tier erkennt aufgrund der vorhandenen Duftmarken rasch, dass hier jemand anderer das Sagen hat. Die alteingesessenen Tiere sind weniger verunsichert, wenn nicht gleichzeitig mit dem Neuzugang auch noch Veränderungen im Stall und Gehege stattfinden. Verunsicherung macht grundsätzlich eher aggressiv und sollte deshalb vermieden werden.

Die Situation ist umgekehrt, wenn das neue Tier eine führerlose Gruppe übernehmen und dominieren soll: dann sollte der Neuling die Möglichkeit haben, ungestört während einiger Stunden das neue Revier markieren zu können, bevor die andern dazustossen.

Das Zusammensetzen auf "neutralem" Gebiet (beispielsweise im Auslauf) ist nur beschränkt sinnvoll und sagt oft nicht viel darüber aus, ob sich die Tiere auch im Stall auf viel engerem Raum und mit den alten Duftmarken dann vertragen werden. Da im Auslauf meistens alle ein bisschen aufgeregt und verunsichert sind, reagieren sie teilweise völlig anders.

Manche Männchen suchen die Herausforderung und den Ärger förmlich. Bei Rangeleien mit Verletzungen ist es für den Besitzer oft sehr schwierig, zu entscheiden, ob getrennt werden muss oder ob man abwarten soll. Auch ist es schwierig abzuschätzen, ob hier ein aggressives Tier unverhältnismässig "ausgeteilt" hat, oder ob vielleicht ein junges oder rangniederes den andern so lange getriezt und herausgefordert hat, bis die Quittung dann eben kam.

Kleinere Kratzer, vor allem im Bereich des unteren Rückens, können über einige Zeit toleriert werden, die stammen meist von relativ harmlosen Dominanzkämpfen, können aber natürlich auch auf Milbenbefall hinweisen.
Verheilen die Kratzer aber nicht innerhalb von wenigen Wochen, ist das betroffene Tier ständig gestresst und braucht Hilfe.
Milbenbefall muss behandelt werden (Tierarzt: Injektion von Dectomax, Ivomec oder Auftragen eines Spot-Ons wie Stronghold)
Wenn Milbenbefall ausgeschlossen werden kann und das Tier weiterhin Kratzer aufweist, muss es aus der Gruppe entfernt werden.

Bei ernsthaften, blutenden Bisswunden bewährt sich als Faustregel:
den ersten ernsthaften Biss akzeptieren. Das Tier ist nun schon verletzt, das lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Vielleicht hat es nun seine Lektion gelernt und seinen Platz in der Hierarchie gefunden. Dann sollte man es nicht ausgerechnet jetzt aus der Gruppe nehmen. Es ist für die Heilung des Bisses nicht nötig, das Tier aus der Gruppe zu nehmen - Desinfektion und anschliessendes Zurücksetzen genügt.

Hat das gleiche Tier aber innerhalb von wenigen Tagen eine NEUE ernsthafte Verletzung, muss es sofort aus der Gruppe entfernt werden und kann auch zu einem späteren Zeitpunkt nicht wieder integriert werden.


Sind mehrere Tiere verletzt, muss umgekehrt natürlich der Urheber gefunden und gegebenenfalls aus der Gruppe entfernt werden.

Achtung: oft ist es ursprünglich ein einzelner, der "austeilt". Die andern Mitglieder der Gruppe "lernen" aus seinem Verhalten und kaum ist er weg, rutscht der nächste an seine Stelle nach und kopiert das schlechte Verhalten des ersten.
Darum ist es wichtig, dass man in einer Bockgruppe einen autoritären, aber nicht aggressiven Anführer hat, der den andern mit gutem Beispiel zeigt, wie man sich richtig verhält. Ein aggressives Tier sollte NIE als Chef einer Bockgruppe gewählt werden. So ein Männchen kann man als Kastrat zum Haremswächter machen oder zu einem sehr zickigen, gehässigen Weibchen setzen.